Bereits Freitag nach der Arbeit ging es Richtung Hessen. Der vermutete Stau auf der Autobahn blieb aus, so dass wir es doch noch rechtzeitig schafften, die Startunterlagen bis 19 Uhr abzuholen. Anschließend fuhren wir noch die Radstrecke ab. Ich versuchte mir, die bissigen Anstiege und gefährlichen Abfahrten gut einzuprägen, um am Sonntag nicht gleich von Beginn an zu “überzocken”.
Am Samstag absolvierte ich dann noch eine kleine Koppeleinheit, bevor ich kurz nach elf mein Rad eincheckte. Alles lief nach Plan. Die Organisation war perfekt! Anschließend ging es nach Wiesbaden zur Wettkampfbesprechung. Langsam aber sicher machte sich eine gewisse Nervosität breit. Ich freute mich total auf das anstehende Rennen. Das Wetter sollte auch mitspielen, was dieses Jahr ja bislang keine Selbstverständlichkeit war . In Wiesbaden ging es dann noch zu Maredo und anschließend zurück ins Hotel in der Nähe des Schwimmstartes – noch ein wenig Olympia schauen und früh schlafen gehen.
Am nächsten Morgen klingelte bereits um kurz nach halb sechs der Wecker. Die letzten Sachen packen, Frühstücken und dann ging es auch schon los.
In der Wechselzone 1 konnten wir noch einmal das Rad für den Wettkampf präperieren, dann ging es ab in den Neo und in den Vorstartbereich. Gemeinsam mit Sebastian Guhr ging es dann ins Wasser zum Einschwimmen. Wir waren in der dritten Welle. 7:30 Uhr starteten die Profis, 7:35 alle Frauen und die 50-70 Jährigen. Zehn Minuten später dann die AK 18-24 und 25-29. Knapp über 200 Starter umfassten diese zwei Altersklassen. Da der Schwimmstart sehr breit war, gab es ähnlich wie in Heidelberg nahezu keine Schlägereien im Wasser. Es galt zuerst eine kurze 800m Schlaufe zu schwimmen, nach einem kurzen Landgang ging es dann noch auf die abschließende 1.100m Runde. Die tiefstehende Sonne und das “Aufschwimmen” auf die Frauen und älteren Herren sorgten für eine gewisse Orientierungslosigkeit. Trotzdem kam ich sehr gut in dem trüben Gewässer zurecht und kam nach etwa 29 Minuten als 24. meiner Altersklasse aus dem Wasser. Somit hatte ich meine schwächste Disziplin gut gemeistert und ich freute mich auf den weiteren Rennverlauf.
Der Wechsel durch die lange Wechselzone aufs Rad klappte hervorragend. Nach etwa 6 Kilometern kam mein persönlicher Favorit in meiner Altersklasse Timothy Van Houtem aus Belgien vorbei gefahren. Ich konnte ihn ein paar Kilometer folgen bevor ich ihm am ersten Berg verlor. Als dann bereits nach 10 Kilometern Sebastian Guhr (OSSV Kamenz) vorbeigeflogen kam, war meine Motivation kurzzeitig im Keller. Das er irgendwann auf dem Rad kommt war mir klar. Gewünscht hätte ich ihn mir aber frühestens bei Kilomter 50 . Basti startet auch in der Regionalliga, schwimmt aber dort in der Regel 1-2 Minuten langsamer über 1,5 Kilometer.
Ich rechnete kurz hoch und kam zu dem Entschluss, dass Basti innerhalb von 10 Kilometern zwei Minuten gut gemacht hatte. Das macht über 90 Kilometer 18 Minuten. War ich so langsam unterwegs? — Im nachhinein erfuhr ich aber, dass er nur kurze Zeit hinter mir aus dem Wasser kam. Ich versuchte mein Tempo zu finden und auf den ersten 30 Kilometern nicht zu überziehen. Insgesamt waren über die 91 Kilometer 1.450 Höhenmeter zu überwinden. Der größe Teil davon nach Kilometer 30. Der Plan ging auf.
Auf der zweiten Streckenhälfte konnte ich einige Athleten meiner AK überholen. Sogar an meinen Trainingspartner von Mallorca Michael Louys (beaune monnot triathlon/BEL) konnte ich im zweiten Teil der Strecke wieder auffahren, nachdem er mich auf den ersten 30 Kilometern ebenfalls überholt und zwischenzeitlich einen größeren Vorsprung rausgefahren hatte. Die letzten acht Kilomter ging es nur noch bergab nach Wiesbaden. Mit der zweitschnellsten Wechselzeit ging es auf den abschließenden Halbmarathon.
Ich lief ambitioniert an. Zu diesem Zeitpunkt lag ich auf Position 12. Die Beine waren richtig gut. Es wurde auch von Minute zu Minute wärmer. Also genau mein Wetter. Doch von 0 auf 100 hatte ich plötzlich einen Krampf im rechten Oberschenkel. ‘Das kann doch nicht wahr sein’, dachte ich mir und fluchte leise vor mich hin. So stand ich etwa eine Minute am Wegesrand und dehnte mich. Die Zuschauer im Park feuerten mich an weiterzulaufen. Ich ging ein paar Schritte, bevor ich wieder einen vorsichtigen Trabschritt lief. Genau rechtzeitig kam zudem die eine von zwei Verpflegungsstellen auf der fünf Kilomter Runde. Zwei Becher Cola und Wasser bauten mich wieder auf. Nach und nach wurde es besser und ich konnte wieder Tempo aufnehmen, um erneut die Athleten zu überholen, welche ich bereits wenige Kilometer zuvor überholt hatte.
Eine Runde später der selbe Salat noch einmal. Dieses mal jedoch schlimmer. An einer Verpflegungsstelle stoppte plötzlich ein Triathlet unmittelbar vor mir ab. Auf diese “Vollbremsung” war ich nicht vorbereitet. Erneut ein Krampf. Selbe Stelle. ‘Das war’s', dachte ich mir. Zwölf Kilometer kannst du unmöglich in diesem Zustand zurücklegen. Auf der anderen Seite veruchte ich an positive Dinge zu denken. An den schönen Triathlon in London vergangene Woche, den ich live mit meiner Freundin in London verfolgt hatte. An die vielen Trainingsstunden, die ich unter anderem für diesen Wettkampf absolviert hatte. An den hervoragenden Support von Dominik an der Strecke. Auch mein Trainer Peter war in Wiesbaden, um Boris und mich zu unterstützen. Meine Supporter und mich selbst wollte ich nicht enttäuschen.
Ich probierte es noch einmal. Es sah nicht schön aus, aber es ging wieder. Nachdem ich so zwei Kilometer getestet hatte, ging ich wieder auf Vollgas. “Sieht gut aus. langer Schritt und Vollgas”, rief Peter mir zu. “Du bist Achter”, rief Dominik einen Kilometer danach. ‘Geil’, dachte ich mir. Trotz Krämpfe Plätze gut gemacht.
Wie gerufen, kamen die Krämpfe, nach einer unsauber genommenen Kurve, zum dritten Mal. Doch jetzt hatte ich bereits ein Rezept. Kurze Pause. Dehnen. Motivieren und motivieren lassen und weiter ging’s. Noch sechs Kilometer bis ins Ziel. In der letzten Runde lief ich von den Zuschauern beflügelt Krampf- aber nicht Kampflos. Ich überholte sogar noch zwei Athleten meiner Altersklasse, so dass ich am Ende mit der 4. schnellsten Laufzeit meiner AK noch auf einen hervorragenden 6. Platz vorlaufen konnte. Gesamt wurde ich in einem stark besetzten Feld 49. von über 2.000 Startern.
Gewonnen hat Michael Raelert mit Streckenrekord. Zweiter wurde der Belgier Bart Aernouts. Besonders freue ich mich über den dritten Platz von meinem Teamkollegen und Trainingsfreund vom Sauerland Team Boris Stein. Nachdem er vor ein paar Wochen Deutscher Meister auf der Mitteldistanz wurde, mischte Boris in seinem ersten Profijahr, der neben dem Triathlon als Lehrer tätig ist, die hochgehandelten anderen Profis mächtig auf. Ich freue mich schon auf das Frühjahr. Dann heißt es wieder “3-2-1-ab”!!
Gesamtergebnisse gibt’s hier.
Altersklassenergebnisse gibt’s hier.
Es war ein wirklich toller Wettkampf, der jeden Cent wert war. Weltklasse Organisation. Nachdem ich dieses Jahr eine Challenge und einen IRONMAN 70.3 mitgemacht habe, muss ich sagen, dass es 1:1 steht. Beide Veranstalter bemühen sich wirklich sehr um die Athleten. Es war ein einzigartiges Wochenende. Ein riesengroßes Dankeschön auch an Dominik und alle anderen, die an der Strecke angefeuert oder von Zuhause aus die Daumen gedrückt haben.
Ohne eine derartige Unterstützung wäre ich in einer solch komplexen Sportart ziemlich aufgeschmissen. Das Equipment (was nicht sooooo wenig ist) trägt sich nicht von alleine. Auch sehen vier Augen immer mehr als zwei.
Ich bin mit meinen 6. Platz mehr als zufrieden. Er hätte sogar zu einem indirekten Qualifikationsplatz für die Weltmeisterschaft in vier Wochen in Las Vegas gereicht. Direkt hätten sich die ersten Vier qualifiziert. Zwei haben sich jedoch schon über ein anderes IRONMAN 70.3 Rennen in der Saison qualifiziert. Für mich stand jedoch vor dem Rennen bereits fest, dass ich im Falle einer Qualifikation dieses Jahr nicht daran teilnehmen kann und will. In der Woche der WM findet meine Verteidigung der Bachelorarbeit statt. Das Studium hat in diesem Fall Priorität. Aufgeschoben heißt jedoch nicht aufgehoben Kommendes Jahr möchte ich mich erneut qualifizieren und dann auch in Las Vegas starten. In den kommenden zwei Wochen bin ich nochmals zum Studium in Heidelberg. An dem Wochenende dazwischen starte ich mit dem Regionalligateam zum Mannschaftsrennen in Jena. Am 9. September bin ich noch beim Berlinman, ebenfalls einer Mitteldistanz, bevor ich abschließend Ende September noch einen Marathon laufen werde.
Bis dahin,
Philipp
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